Eine Frage der Perspektive

In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Das der selbständigen Yogalehrerin, die seit vielen Monaten kaum Einnahmen hat. Und das der Biologin, die weiß, dass es keine wirkliche Alternative zu den derzeitigen Maßnahmen gibt. Meine Gedanken zur aktuellen Lage.

Das Virus ist eine globale Naturkatastrophe, die in Zeitlupe über uns hinweg rollt. Ich finde diese Sichtweise hilft dabei, mit der gegenwärtigen Situation besser zurechtzukommen. Niemand hat Schuld daran. Keine Politiker, keine Wissenschaftler und auch nicht China. (Wenn man unbedingt einen Grund für die Entstehung neuer Viren bzw. deren Übergang von Tieren auf den Menschen suchen möchte, dann ist der wohl am ehesten in unserem maßlosen Konsum tierischer Produkte zu finden. Und auch hier hilft es nicht, auf ferne Länder zu zeigen. Das haben uns die dänischen Nerz-Farmen und Billig-Fleischerei-Skandale der letzten Monate mehr als deutlich gezeigt.)

Eine Naturkatastrophe in Zeitlupe. Durch die uns Politiker auf der ganzen Welt (die meisten zumindest) mit Hilfe der führenden Experten und Wissenschaftler so glimpflich wie möglich hindurch zu helfen versuchen. Klar sind da Frust, Wut, Sorgen, Angst. Aber die sind nicht erst durch Corona entstanden. Die ganze Situation lenkt einfach wie ein Brennglas unseren Fokus auf bereits vorhandene Missstände. Und führt uns alles vor Augen, was jetzt nicht mehr im Alltag verdrängt werden kann. Sie bietet somit eine wunderbare Gelegenheit, sich den Themen in uns zuzuwenden – anstatt sie nach außen zu projizieren und wütend gegen die Maßnahmen zu wettern. Jeder ist dazu aufgefordert, sich mit sich selbst in der Tiefe auseinanderzusetzen.

Die Welt war vor Corona schon krank. Das Virus ist nur ein Symptom, welches uns das gesamte Ausmaß bewusst werden lässt.

Eigenverantwortung ja. Aber die reicht in dieser Situation leider nicht aus. Zum einen haben sie viele verlernt. Zum anderen ist das Thema zu komplex als dass wir Normalbürger alle Zusammenhänge in ihrer Ganzheit überschauen geschweige denn verstehen könnten. Medizinische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, soziale Aspekte. Modellrechnungen bis weit in die Zukunft berücksichtigen diese und unterstützen die Entscheidungsträger. Ich müsste schon ganz schön überheblich sein und an ziemlicher Selbstüberschätzung leiden, sollte ich wirklich meinen ich wüsste es besser als die führenden Köpfe des Landes.

Auch das ist vielen leider abhanden gekommen: Bescheidenheit. Demut. Vertrauen in die Wissenschaft. Dankbarkeit. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Bis hierhin geht es uns doch eigentlich relativ gut. Und wir könnten zufrieden sein, wenn wir mit moderaten finanziellen und psychischen Folgen aus der globalen Katastrophe herauskommen.

Die Maßnahmen sind wirksam. Sonst hätten wir längst ein ungebremstes exponentielles Wachstum und das würde noch mal ganz anders aussehen. Wer sich fragt, was ohne Maßnahmen passieren würde, kann einen Blick auf Länder wie Brasilien, Mexiko, Russland und die USA werfen. Man konnte Beiträge sehen, wie Menschen die Regierung anflehten, endlich Maßnahmen zu ergreifen, weil die Toten tage- und wochenlang in Wohnungen und Straßen liegenblieben, da die Bestatter komplett überlastet waren.

In China ist die Situation angeblich seit Monaten unter Kontrolle. In einem totalitären Regime ist es auch leichter, Zwangsmaßnahmen rigoros umzusetzen. „Querdenker“ landen einfach im Gefängnis.

Mein Tipp an alle, die die Sondersendungen im TV nicht mehr ertragen können: Fernseher einfach ausschalten. Tief atmen. Die Situation annehmen. Und loslassen, was ich nicht ändern kann.

Bitte bleibt gesund.

Corona
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